Komfortzonenmensch

Jeder, der sich im Entferntesten einmal mit Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung und co beschäftigt hat oder auch nur irgendein Führungs- oder Weiterentwicklungsseminar besucht hat, kennt das System der Komfortzone.

Und auch wenn ich mich gerade in den letzten Jahren für mich persönlich sehr viel entwickelt habe, mehr und mehr zu mir selber finde und glaube, näher dran zu sein, zu wissen, wer ich sein möchte, wer ich schon bin und welches meine Themen sind, an denen ich arbeite, so merke ich doch immer wieder, wie herrlich muckelig und gemütlich es doch in meiner Komfortzone ist. Ist es aufregend? Nein. Lerne ich hinzu? Nein. Kann ich dort wachsen? Nein. Weiß ich alles, ich mag es trotzdem da. Für eine Weile. Und ich muss mich selber immer ein wenig (naja, ein wenig mehr) anschubsen, um wieder etwas Neues auszuprobieren. Man soll ja jeden Tag etwas Neues machen, auch, wenn das nur heißt, mal eine Straße vorher anzubieten auf dem Weg zur Arbeit. Das erweitert den Horizont und lässt einen offen sein für neue Wege, die man einschlägt. Wie sagte mal ein Seminarleiter, von dem ich sehr viel lernen durfte: Ich kann ja nicht jedes Jahr in den selben Ort in den Urlaub fahren und mich hinterher beschweren, mein Leben sei langweilig oder es würde nichts passieren.

Neues also. Und dann immer noch in einem Land, in dem ich nicht muttersprachlich unterwegs bin. Ich fing also klein an letzte Woche und ging einfach mal in ein ganz neues Café zum arbeiten. In einem Stadtteil, in dem ich fast nie unterwegs bin. Es heißt Architektur-Café und befindet sich direkt neben dem dazugehörigen Geschäft mit Design-Möbeln neben eben einem Architektur-Büro. Als ich da so in der Sonne saß mit meinem ersten Kaffee am morgen, dachte ich, wie klein dieser Schritt doch ist und wie unaufgeregt. Trotzdem macht es was mit einem. Vor allem, wenn man stetig dran bleibt. Neue Horizonte eröffnen sich, man spricht mit neuen Menschen, man bekommt neue Inspirationen. Zumindest geht es mir so.

Einen viiiiiel größeren Schritt machte ich dann heute vor einer Woche. Ich erfuhr über social media von einer Frau, die nicht nur 150.000 Follower auf Instagram hat sondern hier in Buenos Aires, in Palermo, Kurse gibt unter dem Motto „Intencion en Movimiento“. Kurse, in denen es darum geht, vom Kopfmensch zum Herzmensch zu werden, oder zumindest mal wieder mehr Gefühl-gesteuert und nicht so Kopf-gesteuert zu agieren. Dass die Argentinier dieses Thema auch haben, war mit neu, aber ich fand es spannend für mich, zumal ich zur deutschen Mentalität auch noch das Sternzeichen Jungfrau hinzuaddiere – also noch mehr Kopf (anstrengend ist das machmal…). Es hieß, es würde mit Yoga, Tanzen, Mediation, Bewegung im freien Raum, etc. sein. Ich war neugierig. Aber hatte auch Angst. Ich kenne da niemanden, verstehe vielleicht nicht alles, Südamerikanerinnen bewegen sich viel besser als ich. 1000 Ausreden, warum ich nicht hingehen sollte. Und dann meldete ich mich einfach an und stand spontan mit meiner Yogamatte im Fahrstuhl, ohne weiter drüber nachzudenken. Ich fuhr zum Hippodrom, wo der Kurs stattfinden sollte. Auch da war ich vorher noch nie, wußte nicht, wo ich hin muss, wo ich das Rad lassen kann (das ist ja hier immer solch eine Sache, denn es einfach an der Straße abzustellen, ist nicht… dann ist es weg, ja, auch wenn es angeschlossen ist). Ich kam an, wurde auf 100m weiter verwiesen zum „Fahrradeingang“ (nee, ist klar, als wenn ich da nicht hätte einfach reinfahren können – in solchen Momenten denke ich dann immer „seien Sie doch nicht so deutsch“), dort stand ein Security-Typ, der auf die Räder aufpasst (kostenlos – gibt es übrigens auch in Supermärkten hier) und ich ging los. Die 100m wieder zurück, denn ich musste in den Haupteingang rein. Und dann schien die Abendsonne, ich ging an dem tollen Gebäude vorbei und fühlte mich schon jetzt ein wenig stolz, den Schritt gemacht zu haben bis hier.

Ich reihte mich in die lange Schlange ein, alle mit Yoga-Matte, da werde ich schon richtig sein, dachte ich mir, und so war es dann auch. Und plötzlich befand ich mich mit 70 anderen Frauen in einem schönen ovalen Saal. Es waren mega anstrengende 1,5 Stunden, vieles war super neu für mich, es fiel mir oft schwer, die Trainerin übers Micro zu verstehen, aber es war toll.

Und ich lernte wieder neue Leute kennen, unterhielt mich auf dem Rückweg zum Fahrradparkplatz super nett mit einer Frau, die 2h Fahrtzeit auf sich nahm, nur um bei den Kursen dabei zu sein. Als ich erfüllt & erschöpft nach Hause fuhr, war ich einfach nur happy. Über meine Entscheidung. Darüber, dass ich den Schweinhund überwunden hatte, über das Gefühl, alleine in einem fremden Land neue Dinge ausprobieren zu können, über meinen Mut, mein AusDerKomfortZoneSpringen und über den schönen Abend.

2 Gedanken zu “Komfortzonenmensch

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