Das Thema Sicherheit in Buenos Aires

Wenn ich heute an das Thema „Shopping“ denke, geht es eigentlich immer nur ums Lebensmittel-Shopping, denn alles andere gibt es ja seit fast 5 Monaten für mich nicht mehr – spart Zeit und Geld, ist ökologisch sinnvoll und hat viele gute Seiten. Macht aber auch einfach keinen Spaß. Aber gut, ist jetzt so.

Mein größtes Shoppingerlebnis ist demnach der grooooße schöne Supermarkt Jumbo, zu dem ich seit Neuestem ja nun auch mit meinem neuen Rad fahren kann – Veränderung: Yay! Und vor dem Jumbo, direkt neben dem Parkhaus, gibt es einen Service, den ich total super finde und noch nie irgendwo so gesehen habe. Dort steht ein Sicherheitsbeauftragter mit einer Liste, in die man seinen Namen eintragen muss, wenn man sein Rad oder Moped/ Roller/ Motorrad dort abstellt. Beim Abholen muss man den Namen wieder angeben, sonst darf man sein Rad nicht mitnehmen. Wie cool ist das denn – denn da hier überdurchschnittlich oft Räder geklaut werden, ist dies so ziemlich die einzige Möglichkeit, zum Einkaufen mit dem Rad zu fahren. Wir nehmen zwar immer mehr Schlösser als Räder mit, denn schon mein Fahrradladenbesitzer in Hamburg hat mir die relativ einfache Logik erklärt, dass natürlich jeder Dieb lieber das Rad mit einem Schloss nimmt, als das mit zweien. Wenn ich also in Hamburg schon zwei Schlösser für mein Rad habe, dann hier natürlich allemal. Ganz lustig war, dass Martín vor seinem ersten Besuch in Hamburg ernsthaft dachte, dass Deutschland so sicher sei, dass man sein Rad gar nicht anzuschließen brauche sondern einfach so an der Straße stehen lassen kann. Hahahaha. Eher nicht. Als wir dann einmal beim Hafengeburtstag mit den Rädern waren und diese – natürlich angeschlossen – nach 5 Stunden wieder abholten – staunte er nicht schlecht, dass sie wirklich noch da waren. Die Chance wäre in Buenos Aires eher gering. Aber gut, bisher haben wir Glück und alle Räder sind noch da 🙂

Mein Rad gibt mir eine solche neue Freiheit, dass ich jeden Tag damit unterwegs bin. Da es inzwischen in alle Richtungen Radwege und aufgrund der vermehrten Fahrradnutzung in der Stadt diese auch mehr und mehr respektiert werden auf der Straße, macht das Radeln auch wirklich Spaß.

Vor ein paar Tagen las ich in der Facebook-Gruppe „Deutsche in Argentinien“, dass jemand einen der wenigen Flieger nach Deutschland nimmt und anbietet, etwas mitzunehmen. Ich wollte ihr Post an meine Eltern und meine Nichte und meinen Neffen mitgeben und sie willigte ein. Toll! Ich habe also alles geschrieben und vorbereitet, ihre Adresse erhalten und fragte dann Martín, wie lange ich da wohl hin brauche mit dem Rad. Große Augen gucken mich an und er sagte: Nie im Leben fährst Du dort alleine hin! Ich komme mit und wir fahren am helligten Tag! Ich in meiner deutschen Naivität gleich so: nee, komm, das kann ich auch alleine, ich bin durch die halbe Welt alleine gereist, da kann ich ja wohl mal mitten in der Woche am Tag da kurz hinradeln und das abgeben. Aber ich hatte keine Chance. Also gut, fahren wir zusammen. Los ging es. Die ersten 20 Minuten bis zum Zentrum war alles entspannt, andere Mountainbikes rechts und links, alles voller Leute, wild gemischt und wie mir bekannt. Dann änderte sich das Pflaster und Martín blieb immer näher an mir dran. Ich fühlte mich mit jedem Straßenblock etwas unwohler und war nicht ganz unfroh, dass ich hier gerade nicht alleine war. Die Blicke auf unserer Mountainbikes wurden gezielter, ich fiel mehr und mehr als Touristin auf. Bis wir in eine Gegend kamen, in der Martín sehr klar, direkt und deutlich sagte: Fahr weiter, fahr einfach, egal, ob rot ist oder nicht, fahr wieder! Zuerst denke ich ja immer, er übertreibt etwas, aber nein. Er kennt sich einfach extrem gut aus hier und ist immer besorgt, dass mir etwas passierten könnte. Ich fuhr also, es war rot, ich wollte intuitiv anhalten, als ich eine Gruppe an dunklen Gestalten an der Ecke sah und Martín mich anschrieh: FAHR WEITER! ok ok, ich strampelte, was das Zeug hält, es ging weiter, rechts, links, über große Straßen, durch kleine Straßen und irgendwann waren wir da. Ich klingelte, das junge Deutsche Mädel kam runter, erzählte, sie sei mit ihrem Freund bei seinen Eltern zu Besuch, die hier wohnen, wollte eigentlich nur einen Monat in Argentinien bleiben und viel Reisen und dann kam die Quarantäne. Ein paar Ecken weiter dort fängt der bekannte und normalerweise touristische Markt „Feria de San Telmo“ an. Aber jetzt ist natürlich alles geschlossen, was nicht schöne Gegenden einfach auch nicht schöner macht. Ich gab ihr alles in offenen Umschlägen, damit sie sieht, was drin ist und dankte ihr sehr fürs Mitnehmen. Finde ich einfach eine super Initiative von ihr! Martín sagte danach: Du kannst ihr doch nicht die offenen Umschläge geben, die musst Du doch zumachen. Aber da haben wir Deutschen einfach auch untereinander ein anderes Grundvertrauen und ich handele ja besonders nach dem Motto: Erst einmal Vertrauen vorschießen. Klar und es sind natürlich auch keine Wertgegenstände, die ich da verschicke sondern Briefe, was soll also groß passieren. Er sagte, so etwas würde in Argentinien keiner anbieten und auch keiner in Anspruch nehmen, zu groß ist grundsätzlich das Mistrauen untereinander hier, eine ganz andere Mentalität, was solche Dinge angeht. Ich fragte ihn dann – auch aufgrund meiner etwas müden Beine, ob es nicht einen Weg durch eine sicherere und Schönere Gegend zurück gäbe. Antwort: Der einzige Weg hier raus, ist: Tritt in die Pedale! Ok, los ging es. Wir strampelten zurück und ich war heilfroh, als wir wieder in den sicheren Stadtteilen unterwegs waren und einfach in der Masse untergingen. Wir waren wieder im Grünen, führen vorbei am großen Park bosque de Palermo und ich wurde ruhiger und ruhiger. Aber ich war auch ganz schön kaputt von der all der Aufregung, puh.

Mir wurde durch dieses Erlebnis nochmal sehr bewusst, ein was für einer Bubble wir hier leben in unserem Palermo, wo die Welt noch in Ordnung ist.

3 Gedanken zu “Das Thema Sicherheit in Buenos Aires

  1. Oh man meine kleine Tina… das nächste mal doch das Auto!!
    Und übrigens hast du 3!!! Schlösser an deinem Rad!!
    Drücki Moni 😘

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  2. Toller Bericht. Ich habe ihn meinem Mann vorgelesen, der Radfahren liebt. Wir haben richtig mitgefühlt. Viele Grüße aktuell aus den Niederlanden nach Buenos Aires von Kirsten

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