Schweinehund in der Schweinebucht

Für mich ist Kuba irgendwie auch eine Bildungsreise. Ich lerne unglaublich viel über Land und Leute, Historie und Kultur. Und ich komme innerlich immer mehr an auf Kuba, fühle mich wohl und ich mag es. Ich genieße es sogar, einfach im Bus über die Insel gefahren zu werden, Musik zu hören und das nicht enden wollende Grün an mir vorbeiziehen zu lassen. Hier und da sieht man immer noch Schäden, die durch die Hurricanes Sandy, Irma & co verursacht wurden, aber insgesamt ist das meiste schon wieder repariert.

Zwischendurch erzählt Jesus, unser Guide, immer mal wieder, was alles angebaut und produziert wird, neben Tabak und Zuckerrohr gibt es Hühnerzucht, Fischfarmen (Forellen), Reisanbau, Mangobäume ohne Ende, Malanga (Taro oder Wasserbrotwurzel, schmeckt gekocht ein wenig wie Kartoffel), Kakao, Süßkartoffeln, Guave, Bohnen, Eukalyptusbäume, Kartoffeln, Orangen, Zitronen, Pampelmusen,… und überall sooo viele Palmen – die Königspalme ist dabei die Nationalpflanze Kubas. Und einen Baum nennen sie „Touristenbaum“, weil der Stamm rot ist und sich die Rinde schält… so wie die Haut der Touristen, wenn sie sich in der Sonne verbrannt haben.

In Havanna gibt es ein großes Transportproblem, da die einst fahrende Straßenbahn nicht mehr existiert. Deshalb sind alle Leute, die ein staatliches Auto fahren, verpflichtet, einheimische Anhalter mitzunehmen gegen ein wenig Geld, also quasi wie ein privates Taxi oder UBER. Und das wird relativ streng kontrolliert. Insgesamt ist es schon sehr spannend, wie viele Transportmöglichkeiten es auf Kuba gibt, vor allem in den ländlichen Gegenden. Pferde mit Kutsche oder kleinem Karren sieht man sehr viel, klar, überall die Oldtimer, aber auch Ochsen und Esel sowie Handkarren, Trecker und diverse Sammel-Busse. Wenn man so über die Autobahn fährt, ist es absolut kein Vergleich zu unseren Autobahnen. Hier fahren so wenige Autos, dass man es oft erlebt, dass Geisterfahrer in Form von Pferdekarren einem entgegenkommen, Menschen zu Fuß die Autobahn in Ruhe überqueren können oder auch einfach mit dem Fahrrad dort entlang gefahren wird.

Und überall beim Über-Land-Fahren kommt man mit dem Sozialismus in Kontakt, überall stehen große Plakate, Schilder mit Aufschriften wie „Sozialismus oder Tod“, „Vaterland oder Tod“ und wir nehmen das Gefühl mit, dass die Kubaner damit doch sehr gut leben. Der Staat kümmert sich nicht nur um die (wenn auch minimale) Lebensmittelversorgung sondern stellt auch kostenlose Bildung inklusive Universitätsbesuch zur Verfügung sowie medizinische Versorgung, auch auf dem Land. So hat Fidel Castro eingeführt, dass Ärzte und Krankenschwestern überall verteilt leben, ein Schild am Haus für alle sichtbar befestigt haben und 24/7 für alle erreichbar und zugänglich sind. Kostenlos. So dass jeder immer Zugang zu medizinischer Versorgung vor Ort hat. Das wurde – wenn ich es richtig in Erinnerung habe – eingeführt, nachdem so viele Menschen an Denguefieber gestorben waren, welches sich so stark auf Kuba verbreitet hatte aufgrund von Kondenswasser aus den Kühlschränken. Alle Kühlschränke waren damals aus Russland, aber diese verbrauchten sehr viel Strom. Also hat Fidel Castro einen Vertrag mit China abgeschlossen für neue Kühlschränke. Diese tropfen aber extrem, so dass man eine Schale darunter stellen musste, in der immer Wasser stand, welches nicht regelmäßig weggeschüttet wurde, so dass sich dort die Larven der Mücken entwickeln konnten. Heute wird es vom Staat regelmäßig kontrolliert, dass alle Haushalte die Schalen regelmäßig leeren. Auch skurril alles irgendwie. Neben den Sozialismus-Schildern sieht man auch überall Plakate mit Danksagungen an Fidel Castro und Che Guevara. Vor allem Che Guevara wird als Nationalheld hier unglaublich verehrt und spielt in jedem noch so kleinen Ort eine große Rolle. Wir besichtigen u.a. auch sein Mausoleum in Santa Clara und das dazugehörige Museum, was mir nochmal deutlich macht, was für ein unglaublich hübscher Mann er doch war. Unabhängig davon war das Museum sehr interessant. Wir fuhren weiter und sahen auch den Ort etwas außerhalb von Santa Clara, wo Che am 28.12.1958 den gepanzerten Zug von Diktator Batista, der von Havanna in Richtung Santiago de Kuba unterwegs war mit Soldaten und Waffen, um die Revolution zu stoppen, hat entgleisen lassen und somit die letzte Chance genutzt hat, um die Revolution siegen zu lassen. Sein Motto: „Hasta la victoria, siempre!“ ist allgegenwärtig auf der Insel und bedeutet: Immer bis zum Sieg!

Insgesamt kann man das Leben auf Kuba mit „Rum, Zigarren, Salsa, Che und ohne W-Lan“ beschreiben. Leben eben! Mit Genuss im Hier und Jetzt. Auch wenn das natürlich sehr kurz greift, das ist mir schon bewußt. Aber Tabak spielt schon eine große Rolle hier und somit besuchen auch wir an einem Tag eine Tabakplantage in Viñales (wo 4000 Einwohner von Tourismus und Tabak leben) und an einem anderen Tag eine Tabakfabrik in der Nähe von Cienfuegos. Wir lernen, dass die Kubanischen Zigarren deshalb die besten sind, weil das äußere Tabakblatt, das um die Zigarre gewickelt wird, immer über das Knie glatt gestrichen wird und da die Kubanischen Frauen so sexy Beine haben, erklärt sich der tolle Geschmack der Zigarren. Jetzt wisst Ihr Bescheid 🙂 Auf der Tabakplantage bittet mich Jesus, der Gruppe simultan zu übersetzen, was der Typ, der die Zigarre für uns exemplarisch herstellt, alles erklärt. Und es klappt sogar ganz gut. Als Dankeschön bekomme ich eine Zigarre geschenkt. Ich habe sogar einmal dran gezogen, schmeckte nicht so schlecht, wie ich erwartet hätte, aber ist dann doch nicht so meins. Ein paar Tage später sind wir in Cienfuegos in der Tabakfabrik. Hier werden 8000 Zigarren pro Tag für Cohiba und 5 andere Marken produziert. Ich habe abseits von der Gruppe und dem Guide ein wenig mit den Damen gequatscht, die dort arbeiten, einige sind seit 30 Jahren da, haben dort ihre gesamte Jugend verbracht, erzählt sie mir. Acht Stunden am Tag arbeiten sie dort, es gibt Vorgaben, wieviele Zigarren sie am Tag produzieren müssen (alles mit der Hand – naja und dem Knie ;)), wenn sie mehr produzieren, bekommen sie extra Geld. Es sind überwiegend Frauen, die hier arbeiten. Jede einzelne Zigarre wird auf Durchzug getestet und gegebenenfalls sonst wieder aufgemacht und neu gedreht – es kann immer nachvollzogen werden, welche Zigarre von welcher Frau gedreht wurde. Man braucht 5 Tabakblätter für eine Zigarre, vier drinnen gefaltet und eins drum herum. Ist schon ganz spannend. Erst ganz am Schluß bekommen sie dann die kleine Fahne mit Cohiba oder so drauf umgebunden und kommen in die Zigarrenkiste.

Bevor ich nach Kuba kam, sagten mir so gut wie alle Leute, sie schon mal hier waren, unisono, dass das Essen schrecklich sein soll. Reis, Bohnen und Fleisch, das man nicht mag. Ich war also drauf eingestellt, eine Woche Reis zu essen, da ich diese dunklen Bohnen nicht mag und bei Fleisch extrem picky bin. Aber ich wurde positiv überrascht. Klar, es gibt überall dazu Reis, der mit den schwarzen Bohnen gekocht wird (die nicht schmecken) und dadurch schwarz wird. Aber man kann überall nach weißem Reis fragen. Und wir essen in kleinen familiären Restaurants, die teilweise am Tag vorher vom Guide angerufen werden und erst dann den Fisch fischen oder das Spanferkel schlachten. Wir essen wirklich gut finde ich. Und einmal komme ich in den Genuss, eine ganze Languste zu essen, die soooo lecker war und zahle am Ende 12 Euro umgerechnet. Wahnsinn. So wie es in Kolumbien überall die Patacones aus Kochbananen als Beilage gab, gibt es hier überall Süßkartoffeln und Bananenchips. Aber die sind ganz lecker, wenn sie auch nicht nach so viel schmecken, da sie eben auch aus Kochbananen sind. Natürlich gibt es nach jedem Lunch immer Rum, daran sind wir alle schon gewöhnt inzwischen. Und es gibt immer und überall Bands, die Salsa-Musik spielen. Die Salsa-Musik hat ihren Ursprung in Puerto Rico, ist aber in Kuba allgegenwärtig und Lebensgefühl. „Salsa“ bedeutet Soße und die Musik ist wie eine zusammengemischte Soße aus vielen Musikrichtungen. Und die Kubaner bezeichnen sich selber auch als eine Art „Salsa“, da sie aus Spanischem, Afrikanischem und Karibischem Blut bestehen, wie sie sagen. Immer mal wieder wollen die Bands, das jemand nach vorne kommt und mitmacht und da die Deutschen ja alle doch sehr verhalten sind in so etwas (und es mir natürlich auch etwas leichter fällt mit meinem spanisch), bin es am Ende dann meistens ich. Aber es macht mir nicht viel aus. Lustig war nur, dass jemand mich mit einem Rasseln da vorne gefilmt hat, wie ich da schön deutsch, stocksteif und hochkonzentriert sehe und vor mich hin im Takt Rassel und da kann man einfach nicht wegdiskutieren, dass kein kubanisches Blut in mir fliesst, hahaha.

Aber auch ohne Kubanisches Blut merke ich doch, wie ich mich wirklich verändert habe. Wir erinnern uns: Ich bin die mit Angst vor Wasser, vor dunklen Flecken im Wasser, die niemals allein irgendwo ins Meer gehen würde, vor allem nicht, wenn da Fische drin sind (ok, beim Schnorcheln ist es was anderes)… Aber ich bin auch die, die schon einmal um die Insel geschnorchelt ist in Kolumbien. Und jetzt kommt der Hammer und ich weiß selber nicht, wie das eigentlich passieren konnte. Wir machen halt in der Schweinebucht (1961, missglückter militärischer Angriff von Exilkubanern & den USA auf Kuba), um zu baden. Ich ziehe mich also ruckzuck einmal draußen inter ein paar Bäumen um (Handballer eben, in so etwas ja doch sehr unkompliziert), während die Männer den Bus als Umkleidekabine okkupieren und die Frauen alle aussetzen. Hrmpf. Nun bin ich ja aber schon im Bikini, also rein. Aber ich warte auf die Männer, damit ich zur Not jemanden habe, an dem ich mich festklammern kann. Aber die Männer kommen nicht. Also GEHE ICH ALLEINE REIN. ALLEINE. Da war niemand sonst im Wasser. Ich. Keine Ahnung, warum, aber plötzlich war ich drin. Und es war herrlich trotz Steine und Wellen und Gischt. Ich bin relativ nah an den Felsen, als ich einen dunklen Fleck sehe. Ich beruhige mich selber und sage, es sind nur Algen, Felsen oder so. Sie bewegen sich. Nein, Tina, sie bewegen sich nicht, das kommt Dir nur so vor wegen der Wellen. Atmen. Bloß jetzt nicht hier vor allein in Panik verfallen. Sie bewegen sich doch. Nein. Doch. Und plötzlich sind sie kurz vor mir, schwarz, groß und Panik steigt in mir auf. Bis ich realisiere: Es sind 3 Taucher. Manno!!! Herzrasen und ich Kletter irgendwie wieder über die Felsen raus. Stelle dann fest, dass die Männer auf der anderen Seite der Straße in einen Weg durch das Grün zu einem Süßwasserteich gegangen sind und da schwimmen. Ok, also rüber. Da sind Fische drin. Und man kann den Boden nicht sehen. Es ist dunkel. Ich zögere. Und zögere. Und stelle fest, dass keiner eine Idee hat, wie man da wieder rauskommt, weil die Felsen total glitschig mit Moos sind und es keinen offensichtlichen „Ausstieg“ gibt. Und dann denke ich mir: Was genau soll passieren? Irgendwie komme ich schon wieder hier raus. Also schreie ich laut auf, halte mir die Nase zu und springe rein! Und es ist herrlich! Vor allem, den inneren Schweinehund überwunden zu haben. Und ja, ich hole mir tiefblaue Flecken beim Wiederrauskrabbeln und brauche Hilfe von anderen, aber ich bin wieder rausgekommen.

So ist es eben auch im Leben: Manchmal muss man einfach mal Springen, auch wenn man Angst hat und keinen Plan, wie man da im Zweifel wieder raus kommt. Aber mit ein paar blauen Flecken und Hilfe von anderen klappt es schon irgendwie. Glücklich und stolz wie Bolle sitze ich im Bus und kann es gar nicht glauben, was ich da gerade für mich selber geleistet habe.

 

 

 

Ein Gedanke zu “Schweinehund in der Schweinebucht

  1. Danke für den Kuba-Bericht. In Sachen Geschichte von Kuba weiß ich nichts, bis auf die Sache mit der Schweinebucht. Hatte ich in der GEO Epoche gelesen, die Ausgabe, auf der JF Kennedy drauf ist. Die Story ist so spannend geschrieben. Unglaublich, was da 1961/1962 abgegangen ist.

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