In der gefährlichsten Stadt der Welt

Wir sind also in Medellín, in der Stadt, die nicht nur als Stadt des ewigen Frühlings bezeichnet wird, weil immer um die 25-28 Grad sind, sondern die noch bis vor nicht allzu vielen Jahren als die gefährlichste Stadt der Welt galt. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Medellín hat 16 Comunas, also Stadtbezirke und in jedem Bezirk gibt es zwischen 20 und 30 Stadtteile. Die Stadt ist soooo riesig, unfassbar.

Wir wohnen in El Poblado, einem Stadtteil in der Comuna 12, wo zum einen alle Touristen wohnen und man zum anderen hier und da in der Calle 37 denkt, man sei in Eppendorf, so viele wirklich schöne Cafés und Boutiquen gibt es hier, und zum anderen ist die gesamte Restaurant- und Bar-Szene mega stylo und kann locker mit Berlin oder New York mithalten. „Botanic District“ könnte über fast allen Bars stehen, denn das Motto mit Hängepflanzen und überhaupt innen komplett grün bepflanzten Restaurants und Bars ist hier überall zu finden. Dazu Frühstückscafés mit Avocado Toasts, hausgemachtem Granola und Açai-Bowls und alle sehr individuell und einfach total stylisch. Wahnsinn, so etwas hatten wir hier absolut nicht erwartet.

Natürlich waren wir auch im Stadtzentrum, allerdings haben wir uns da nur kurz aufgehalten, weil es nicht nur voll, wühlig, dreckig, staubig, voller Smog und glotzender uns anquatschender Menschen ist sondern einfach auch NICHT SCHÖN. Eine Ausnahme bildet der Plaza Boteo mit den schönen Bronzen und den Gebäuden auf der einen Seite des Parks, aber das war es dann auch wirklich. Bunt und farbenfroh sind allerdings die Obst-, Gemüse- und Saft-Straßenhändler, die an jeder Ecke stehen.

Die interessanteste Comuna ist sicher die Comuna 13, wo man ohne Guide nicht hingehen sollte, weil es wohl immer noch etwas gefährlich ist. Wobei wir das Gefühl nicht hatten, als wir dort waren. Es ist eine sehr geschichtsträchtige arme Comuna, die viele Kämpfe mit den Guerilla-Gruppen, dem Militär, verschiedenen Präsidenten und auch Pablo Escobar mitgemacht hat. Nach dem Friedensvertrag zwischen Regierung und Guerillas ist es auch hier ruhiger geworden. Kinder können wieder unbefangen auf der Straße spielen und keiner braucht Angst zu haben, nicht lebend von der Arbeit nach Hause zu kommen. Und wir Touristen können hier sein und uns beispielsweise wie wir bei einer Free Walking Tour informieren. Studenten führen diese Touren durch und man bezahlt nur ein Trinkgeld am Ende. Unsere Guide war Lizan und sie wohnt in der Comuna 13, mehr local geht also nicht. Sie erzählt viel und ausgiebig von damals und heute und es ist super interessant. Auch die Historie und Bedeutungen von den Graffitis, die so typisch sind für die Comuna 13 wird uns erklärt und man bekommt ganz neue Einblicke in das Land und diese riesige Stadt mit seinen 3,7 Millionen Einwohnern.

Auch eine Pablo Escobar Tour haben wir gemacht (die Tour-Guide kann ich sehr empfehlen: Isabel von Bloom Travel Experiences), die in einem typischen alten Medellín-Dorf startete und in der wir gelernt haben, wie die Kolumbianer ticken, warum er für die einen Feindbild und für einige trotz allem ein Held ist. Wir waren an dem Ort, an den sowohl er und seine Familie zum Beten kam, an den aber auch seine Auftragskiller kamen, um dafür zu beten, dass alles glatt geht und sie unversehrt davon kommen. Sein ehemaliges Wohnhaus haben wir von außen sehen können, vor dem die erste Autobombe in Südamerika damals hochging, er allerdings überlebte, seine Tochter aber einen Hörfehler erlitt. Sein Luxus-Gefängnis haben wir besichtigt und auch an seinem Grab waren wir, wo sogar einer seiner ehemaligen Kollegen heute noch sitzt und aufpasst und Wasser an Touristen verkauft. Ein wenig hangeln wir uns der Netflix-Serie Narcos entlang und versuchen herauszufinden, was der Wahrheit entspricht und was nicht. Deutlich wird allerdings, dass es DIE WAHRHEIT oft nicht gibt, sondern diverse Varianten einer Geschichte. Und zu guter Letzt waren wir im Casa de Memoria, im Erinnerungs-Haus, das für die Menschen errichtet wurde (nachdem sie jahrzehntelang dafür gekämpft hatten), deren Familienmitglieder entführt und getötet wurden und deren Leichen nie gefunden wurden, so dass sie einen Ort haben, an dem sie ihrer Liebsten gedenken können.

Nach der Tour sind wir durch den Stadtteil „Buenos Aires“ zur U-Bahn gelaufen und stellten fest, dass dieser Teil von Medellín wieder eine neue Facette zum Vorschein bringt. Und die weltallerbesten „Krapfen mit Dulce de Leche“ hat! yay!

Zu guter Letzt haben wir natürlich auch das MUST DO in Medellín erledigt und sind mit der Seilbahn zum Parque Arví gefahren, leider hat es geregnet, so dass es für uns mehr ein kurzer Blick über den kleinen „Freßbuden-Markt“ oben war und eine Rundfahrt gleich wieder zurück. Aber man hat von der Seilbahn aus natürlich einen unglaublich weiten Blick über die Stadt, die eigentlich in einem Tal liegt, aber aufgrund der Ausufernd bis hoooooch in die Berge rundherum hineinragt. Die Menschen haben einfach in die Berge Häuser und Hütten gebaut, der Staat hat sie immer wieder abreissen lassen in den 80er Jahren und die Menschen haben sie immer wieder aufgebaut, weil sie sonst keinen Platz zum Leben hatten. Von da oben sieht man das Ausmaß dieser riesigen Stadt. Alleine der Rückweg hat 1,5 Stunden mit der Seilbahn, U-Bahn und zu Fuß gedauert, so riesig ist die Stadt.

Fazit: Es ist eine tolle, facettenreiche Stadt, die aufgrund ihrer Größe aber auch anstrengend, laut und an vielen Ecken dreckig und unschön ist. Aber wenn man sich die richtigen Ecken rauspickt, dann können wir sie als „Städte-Reise“ komplett empfehlen. Vor allem auch aufgrund der umfassenden Historie und der Nähe zu vielen Ausflugs-Zielen. Medellín, we like you!

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