Urlaub vom Reisen

Wenn man nachts mit Ohrstöpseln schläft, weil das Rauschen der Wellen zu laut ist, dann nennt man das wohl Leiden auf extrem hohem Niveau. Wir wollten Karibik – hier sind wir. Wir wollten Palmen – hier ist alles voll, sogar mit Kokosnüssen dran. Wir wollten türkisblaues klares Wasser – hier hat das Wasser alle Blauschattierungen, die man sich vorstellen kann. Wir wollten Piña Colada und sonstige Karibik-Drinks – hier werden sie in frisch von der Palme geholten Kokosnüssen gemixt. Wir wollten helle lange Sandstrände – hier sind sie sogar fast leer. Wir wollten einen Pool  mit Blick aufs Meer – check. Wir wollten eine Unterkunft direkt am Traumstrand – und auch das haben wir. Wir sind im Paradies gelandet. Es ist traumhaft schön hier auf Providencia Island. Aber der Hinweg war etwas holperig.

Es fing mit der Nacht davor an, in der ich aufwachte, weil es wie aus Eimern goss (kurzzeitig dachte ich, ich wäre zurück in Hamburg). Wir hatten eine nach oben offene Dusche in unserem Hotel und es klatsche literweise auf den Boden. Dazu ein lauter Sturm. Genau das Richtige in der Nacht, bevor man mit einer 20-Mann-Propeller-Maschine von einer kleinen Insel auf die nächste fliegen will. Zum Glück schlief ich trotz Sorgenfalten auf der Stirn irgendwann wieder ein und morgens war alles ruhig da draußen – puh! Nach 3h Schlaf kamen wir völlig übermüdet am Flughafen an, die Schlange war kurz (kein Wunder bei 20 Passagieren max) und wir schnell dran. Nein, Sie stehen hier nicht auf der Liste für den Flug. WHAT? Äh… nee, nee, das kann nicht sein. Es gibt ja auch nur zwei Flüge am Tag und wir haben diesen hier gebucht. Chaos. Die Dame schiebt ohne die Miene zu verziehen unsere Pässe wieder zurück. Und nun? Zum Glück war der nette Herr, der uns zum Flughafen gebracht hat, noch da und hat die Dame überzeugen können, dass sie bei der Notfall-Nummer, die an unserer Buchung steht, anruft. Sie würden zurückrufen, aber wir sollten uns keine Hoffnung machen. Tun wir aber. Und am Ende kommen wir mit. Mit Gepäck und ohne selber auf die Waage zu müssen, wie alle anderen Passagiere. Gut so, nicht dass das noch zum Problem geworden wäre nach all den Empanadas und co. Boardingpässe sind handgeschrieben und Security Check ist in jedem Museum in den USA strenger. Wasserflaschen? Kein Problem. Na gut, bei Christinas Nagelschere waren sie dann doch kurz wach, die durfte nicht mitfliegen (die Schere, nicht Christina). Wir marschieren also im Entenmarsch über das Rollfeld zu unserem kleinen Flieger. Ich bin vorbereitet mit Spucktüte und Superpepp-Kaugummis im Handgepäck, ich kenne mich ja. Aber es geht alles gut und mir wird nicht mal ansatzweise schlecht – ein Sabbatical verändert wohl wirklich alles.

 

Bei Ankunft werden alle anderen 18 Passagiere mit einem Shuttle abgeholt, nur wir nicht. Notfall-Nummer, Du bist wieder dran. Und es gibt ja auch überall Leute, die einem helfen und wir stellen schnell fest, dass die Menschen auf Providencia deutlich freundlicher sind als auf San Andres. Schön. Alles klappt (natürlich) und wir kommen an im traumhaften Hotel Deep Blue. Wir werden mit einer Limonada de Coco begrüßt und der Name das Hotels ist Programm. Wir sind kaum da, schon liegen wir am Pool und der Blick auf das Blau des Pools und die Blaus des Meeres ist traumhaft schön. Und wir haben den Pool für uns ganz alleine (naja, außer des Besuches eines riesigen Gekkos) – was uns zugute kommt, denn der Schlafmangel macht sich nun doch bemerkbar, wir sind ja keine 20 mehr (wenn auch knapp).

 

Zum Lunch gibt es Ceviche und Weißwein auf dem Steg, die Kanus rechts von uns, das Wellengeplätscher um uns herum, Holzliegen mit beigen Auflagen vor uns und nur so super wenig Menschen. Wir sind im Glück. Gerade in unser auch traumhaft schönes, weiß-türkis dekoriertes Zimmer eingecheckt, fängt es zu schütten an. Wolkenbruch. Aber wir betrachten das Natur-Geschehen vom Lounge-Möbel unseres überdachten Balkons aus und chillen maximal.

 

Diese Regengüsse erleben wir noch oft, meistens heftig und nur sehr kurz. Eigentlich nicht typisch für diese Jahreszeit, aber auch irgendwie meist nicht so schlimm, weil es direkt danach ja wieder heiß ist und alles super schnell trocknet inkl. der Klamotten, die man gerade an hat.

Abends treffen wir Anne, Oli und Co zum Dinner im Café Studio – eins von ca. 5 Restaurants auf der Insel. Alles ist klein und es gibt wenig, aber das, was es gibt, ist super frisch und lecker. Es gibt eigentlich nur Fisch und Seafood überall, aber meist wirklich super lecker zubereitet. Und weil alles so klein, trifft man auch alle Touristen auf der Insel ständig überall wieder. Es können maximal 1000 Touristen gleichzeitig auf der Insel sein – aktuell sind geschätzt maximal 100 hier. Wundervoll. Wir essen Ceviche und frischen Fisch (ja, mit Kopf, auch daran habe ich mich gewöhnt… war vorher eher so ein RoteLinieThema für mich) mit Kokosreis, natürlich. Es ist lecker, wir sitzen mit Nobite eingesprüht (wie täglich) draußen und es immer noch total warm. Herrlich. Da wir noch kein Gefährt haben, fragen wir nach einem Taxi. Oh, das letzte Taxi auf die andere Seite der Insel (wo wir wohnen), ist gerade los, das würde jetzt schwierig werden. Ups. Ach so. Hm. Aber sie ruft jemanden an, der jemanden kennt, usw. und sagt, es würde dauern, weil er sehr langsam fahren würde, aber er käme. Gut. Wir warten. Und warten. Und denken, es müsse einen Teil der Insel geben, den wir noch nicht kennen. So lange kann man nicht brauchen. Oh doch. Er kommt. Wir steigen ein und er fährt … Schritttempo bekommt eine neue Dimension. Schildkröten-Schritttempo. Wahnsinn. Und dann… tankt er. Was? Na ja, 45 Minuten später sind wir im Hotel. Entschleunigung pur! Und wir haben ja nichts vor. Also alles gut.

 

Nach einem schönen Frühstück auf dem Steg müssen wir leider schon wieder packen, denn das Traumhotel hatte nur eine Nacht Platz für uns. Wir ziehen also um – mit unserem neuen 4Wheel-Golfcart! Um das mieten zu können, brauchen wir aber Cash. Gibt es an den zwei Geldautomaten auf der Insel, von denen einer kaputt ist. Einer reicht ja auch. Wir düsen also in unserem TöffTöff los und es macht so einen Spaß! Wir rufen im Hauptort allen fragend entgegen „Banco??“ – und als wirkliche alle wissen, dass wir gerade Geld abheben wollen, überlegen wir kurz, wie schlau das war. Aber es geht natürlich alles gut, wir kaufen in einem von 3 Supermärkten auf der Insel Wasser – denn alles, was „frisch“ ist bzw. irgendwann vor Wochen mal war, will man nicht kaufen. Und dann geht der Umzug los und ist gleichzeitig eine halbe Inselrundfahrt, denn wir ziehen zu „Miss Mary“ am anderen Ende der Insel. Dafür an einem der drei schönsten Strände. Ha! Angekommen, eingecheckt…. schön ist anders. Über das orange-braune Muster kann man hinwegsehen, über die Kakalake, die uns schnell begrüßt, weniger. Ich sprinte also die 5m zur Rezeption und hole Hilfe! „una cucaracha!!!“ – sie schreit auf: „AIII  MADRE MIA DIOS MIO!!“ – ja, genau man! Ihr Anti-Insekten-Ich-Töte-Alles-In-3-Sekunden-Spray hilft und das tote Viech wird rausgefegt. Urgh! Erinnert mich doch sehr an meine Studienzeit in Spanien. Christina springt unter die Dusche und stellt nach einigen Minuten fest, dass das Wasser nicht wärmer wird. Kein Stück. Ich also wieder zur Rezeption und frage ungläubig, ob es kein warmes Wasser gäbe. Die Dame, die sich vom Kakalaken-Schock erholt hat, guckt mich ungläubig an und sagt: NO! Solo agua bien temperada. Gut temperiert. Das ist – wie ich nach dem Duschen bestätigen kann – wirklich Definitionssache. Aber wir werden es für die nächsten 5 Nächte überleben. Unser Zimmer ist mega einfach und sicher kein Traum, das Wasser ist kalt, aber es gab keine weiteren ungebetenen Gäste und wie bei der Wohnungssuche in Hamburg zählt hier auch: Lage Lage Lage. Und die ist top. 5m von unserem Zimmer entfernt ist der Strand, die Bucht „Bahía Suroeste“ oder auch Southwest Beach – denn auf Providencia ist alles auf englisch (Hauptsprache) und spanisch. Die Insel liegt vor der Küste zu Nicaragua, gehört aber zu Kolumbien. Southwest Beach ist neben der Bahía Manzanilla und der Bahía Aquadulce einer der größeren und schönsten Strände. Mit ein paar ganz simplen Reggae Beach Bars, an denen man auch wirklich lecker essen kann, es gibt überall A. Kokosreis mit B. Patacones (eine Beilage aus Kochbananen, die es zu allem gibt) und C. mit frisch gegrillten Fisch, Scampi, Languste, Krebs, Hummer –  alles, was gerade gefangen werden kann. Wenn nicht das passiert, was passiert ist, während wir da waren. Durch den extremen Sturm konnten zum einen weder die PropellerMaschine noch der Katamaran auf die Insel gelangen, so dass keine neuen Touristen ankamen und viele nicht abreisen konnten. Hinzu kommt, dass die Fischer ein paar Tage nicht rausfahren konnten, so dass es auch keinen Fisch mehr gab. Was ja ein total gutes Zeichen für die Frische der Fische ist. Scampi gab es aber noch, ob TK oder wie auch immer, haben wir nicht hinterfragt. Bei uns am Miss Mary Hotel mit seinen 8 Zimmern gab es auch ein kleines Restaurant draußen, welches zwar so wenig einladend aussieht wie man es sich nur vorstellen kann (weiße Fliesen, weiße Plastikstühle, weiße Plastik-Tischdecken mit vergilbten punkten Punkten drauf), aber wird von einer entzückenden Kolumbianerin geleitet, die dort abends kochte und zu späterer Stunde auch selber sang und Gitarre dazu spielte. Ein Traum waren unter anderem die Thunfischbälle mit Tomatensalat. Aber auch Tomaten gab es irgendwann nicht mehr. Und kein frisches Obst zum Frühstück, kein Wasser mit Kohlensäure – weil eben nichts geliefert werden konnte. So einfach kann das Leben manchmal eben sein. Wenn der Fischer nicht raus kann, gibt es keinen Fisch. Fertig. Das hat sich allerdings nach 2 Tagen alles wieder geändert.

Was haben wir sonst so gemacht? Ganz viel einfach mal Nichts. In der Sonne gelegen, gelesen, im türkis-blauen Meer fast komplett alleine baden gewesen, das Leben leben sein lassen. Abends den Sonnenuntergang bei einem Corona am Strand genossen. Urlaub vom Reisen. Denn zwischen „Urlaub“ und „Reisen“ liegt ein großer Unterschied und Reisen kann auch – auch wenn es sich doof anhören mag – anstrengend sein. Jeden Tag massig neue Eindrücke, Planungen, Aufregungen, jeden Tag den Wecker stellen. Da gönnen wir uns auch mal ein paar Tage Urlaub und es tut wahnsinnig gut. Zwischendurch sind wir mit unserem Golfcart über die Insel gedüst, haben Pause an unserer kleinen Lieblingsbucht, der Almond Bay, gemacht, waren auf der angrenzenden, durch eine Brücke verbundenen Nachbarinsel Santa Catalina und haben dort u.a. das entzückende Café Don Olive gefunden. Alles super basic, wenige Gerichte, aber endlich mal guten Kaffee (warum gibt es in Kolumbien eigentlich überall nur so furchtbaren Kaffee – verstehen wir nicht!), die Besitzerin bedient barfuss, alles ist etwas schrabbelig, der Besitzer kocht und es ist lecker: Black Crab in Rotweinsoße! Falls jemand mal auf diese Insel reist und ich kann es jedem nur empfehlen, lohnen sich Dinner im Carribean Place (www.caribbeancolombia.com) und im Hotel Deep Blue (seeeehr lecker – auch die Drinks!) – zwei der 5 Restaurants auf der Insel, die gut sind.

Einen nachmittag wollten wir die im Lonely Planet angepriesene Bar von Roland testen. Der Strand dort war schon schön mit Schaukel über dem Meer (ein Traum!) und vielen skurrilen Dingen, u.a. einer St. Pauli- und einer Hamburg-Flagge mitten in der Karibik , aber die Bar sah eher weniger einladend aus, als wir da waren. Also testen wir doch die daneben, denn der Typ hatte uns auch gleich angequatscht, als wir mit dem Golfcart ankamen. Wir bestellen einen Coco Loco und ein Piña Colada und was passiert? Der Typ klettert ernsthaft die Palme hoch, schmeißt dem anderen frische Kokosnüsse runter und darin werden dann unsere Drinks gemacht. Schon sehr cool. Der Strand wird immer leerer und die Typen scheinen nicht uninteressiert an uns zu sein (was nicht auf Gegenseitigkeit beruhte) und plötzlich überkommt uns ein seltsames Gefühl. Man liest ja doch immer wieder über KO-Tropfen und so. Aber es sind ja auch noch andere Golfcarts da – oder? Ups, alle weg. Hm, doof. Aber es ist gerade noch so schön in der untergehenden Sonne und so alleine am Strand. Hin- und hergerissen waren wir. Trinken oder wegkippen? Bauchgefühl folgen, Trinken und alles war gut. Doof, dass man solche Gedanken überhaupt haben muss, aber lieber einmal zu viel überlegen.

Ansonsten sind wir mit dem Boot rüber gefahren zur kleinen nächsten Insel Cayo Cangrejo zum Schnorcheln und haben tolle bunte Fische, super viele Korallen und eine Schildkröte gesehen! WOW! Das war so mega toll, sie war ganz dicht und nicht scheu und schwamm da einfach mal so ganz entspannt vor uns rum. Wir sind sogar einmal um die kleine Insel geschnorchelt trotz ziemlichem Seegang und jeder, der mich kennt, weiß, dass mich das ganz schön Überwindung gekostet hat. Aber mir kann langsam immer weniger was anhaben: Dunkle Flecken im Wasser, Fische mit Kopf auf meinem Teller, Propeller-Maschinen… In der Mitte der Insel kann man hoch klettern und hat einen unglaublich tollen Ausblick auf die 7 Farben des Meeres. Einfach wow – es ist ein Naturschutzpark und die Natur hat wirklich einiges zu bieten. Wunderwunderwunderschön.

Und dann sind da immer wieder diese Momente in denen ich mich kneifen muss: Liege ich gerade wirklich in der Karibik in einer knallorangenen Hängematte, die zwischen zwei Kokospalmen befestigt ist, gucke aufs türkise Meer und lausche den Wellen?

Hängematte

Leider hat auch der Paradies-Aufenthalt ein Ende und so geht es vom Mini-Flughafen zu Fuß übers Rollfeld und keinen Meter hinter dem Piloten sitzend zurück. Vorher stellen wir allerdings noch fest, dass wir maximal 10kg Gepäck mithaben hätten dürfen. Unsere Überredungskunst, dass wir ja schließlich auch ohne Zusatzgebühren auf die Insel mit unserem Gepäck gekommen sind, funktioniert aber und wir kommen – sogar obwohl wir selber auf die Wage mussten – problemlos mit. Der Blick auf das 3. größte Korallenriff der Welt macht den Abschied nicht leichter.

Tschüß Du wundervolles Fleckchen Erde!

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Urlaub vom Reisen

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