Reise zu mir

„Travel far enough and you will meet yourself“ sagte David Mitchell. Habe ich mich getroffen, als ich weit weg war? Sicher habe ich neue Erfahrungen gemacht und mich ein Stück weit besser kennen gelernt. Bin ich als komplett neuer Mensch zurück gekommen? Natürlich nicht. Aber mit mehr Gewissheit. I can do this. Das überträgt sich auf diverse Lebensbereiche. Und ich hatte Zeit, Ruhe und Raum für Gedanken, die sich mir vielleicht so nicht gezeigt hätten in der Hektik des Alltags, im Hamsterrad. Und doch kann ich sagen, dass die 6 Wochen, die ich zurück in Deutschland bin, wohl mit die Herausforderndsten waren. Die ersten drei Wochen waren easy: Weihnachtszeit mit Weihnachtsfeiern, Weihnachtsessen, Weihnachtsmarkt und Weihnachtsbaum. Freunde, Familie. Hamburg, Berlin. Sylvester. Und dann: ZACK! Neues Jahr. Ich nenne es liebevoll „schwerste Neujahrsdepressionen“, wobei es sich dramatischer anhört, als es gemeint ist. Aber es geht in die richtige Richtung. Ich bin sowieso kein Neujahrs-Tag-Fan. Man ist immer mehr oder weniger doll verkatert und mir geht es auch mental nie gut an dem Tag. Nun kenne ich mich ja seit 40 Jahren und auch wenn ich in den ersten Jahren natürlich weder verkatert noch mit Blues aufgewacht bin, so kann ich doch aus meiner Erfahrung einschätzen, dass der Tag vorbei geht. Spätestens um 0h Nachts. Also: Augen zu, Zähne zusammenbeissen und durch. Aber der 2. Januar war in diesem Jahr mindestens genauso schlimm. Doof. Ich hatte keine Aufgabe, keine Struktur. Wäre am liebsten ins Büro gegangen. Gut, nicht um zu arbeiten, aber von 12-15h oder so, um eine Struktur für den Tag zu haben, etwa zu tun. Ich bin genau in das Loch gefallen, in das ich wahrscheinlich gefallen wäre, als ich zurück gekommen bin, wenn nicht Weihnachten gewesen wäre. Mich überkam eine innere Unruhe, dass ich die Zeit nun auch ja sinnvoll nutzen müsse und bloß nicht vertrödeln darf. Alleine schon „darf“. Wer sagt denn das? Dann hab ich mich immer wieder versucht, selber zu beruhigen mit „Du kannst alles, musst nichts. Vielleicht ist es auch gerade gut so, Zeit mal zu vertrödeln.“ Aber ich konnte es nicht. Ich war wie innerlich auf der Flucht. Aber vor was? Der Ruhe? Eine Freundin schrieb mir, sie hätte noch frei und würde seit 3 Stunden auf dem Sofa sitzen und lesen und es so genießen. Ich sehnte mich danach. Aber ich konnte es nicht. Hab keine Ruhe gefunden. Hab dann viele schöne Dinge unternommen: War in Berlin, in St. Peter-Ording, an der Ostsee, in der Heide. Habe mit vielen lieben Menschen Zeit verbracht, aber gemerkt, dass es zwar schön ist und ich auch die Momente genieße, aber die Ruhe nicht kommt. Musste ich doch nochmal wegfahren? Um die Zeit bis zur nächsten großen Reise SINNVOLL ZU NUTZEN? Aber was ist sinnvoll? Und wohin sollte ich fahren, damit es sich sinnvoll genutzt anfühlt? Ich fand keine Antworten für mich. War kurz davor, spontan in den Skiurlaub zu fahren, war kurz davor, doch noch wegzufliegen. Habe meinen Keller ausgemistet, unglaublich viele Sachen gespendet, mich von Dingen getrennt, meine Wohnung etwas umorganisiert, umdekoriert. Gemacht, getan, in Action gewesen. Aber habe mich dann bewußt entschieden, die Situation einfach mal auszuhalten. Und plötzlich kam ein Moment, in dem ich ruhig war. Auch innerlich. Und gemerkt habe, dass sich was verändert hat. Und, dass diese Wochen dafür richtig, gut und wichtig waren. Vielleicht macht man die größte Reise zu sich selber doch Zuhause manchmal. Nach einer großen Reise. Ich kann das für mich gerade so unterschreiben. Es ist gut so. War die Zeit also doch „sinnvoll“, wenn auch nicht für etwas Bestimmtes „genutzt“. Dafür ist ein Sabbatical eben auch da.

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