Speck mit Zimt

Am Samstag um 17.30h komme ich endlich in Kingston an und es auch schon dunkel. Es hat auf der Fahrt einen Wolkenbruch gegeben und schüttet nach wie vor. Ich gehe also erstmal nur mit meiner Handtasche über dem Arm ins Guesthouse „Hochelaga Inn“. Es sieht alles sehr nett, urig und gemütlich aus (und zum Glück hat mir erst am Montag kurz vor meiner Abreise jemand im Laden erzählt, dass es spukt in dem Haus und nachts Kinderseelen durch die Flure laufen). Ich werde nett begrüßt u.a. mit den Worten: Wir haben ein Zimmer im 3. Stock für Sie reserviert. NEIIIIIN! Es gibt doch in diesen Guesthouses keinen Fahrstuhl und mein Koffer ist doch so schwer. Na gut, es hilft ja nichts. Zum Auto. Tasche & Rucksack die ersten Treppen hoch zur Rezeption. Dann den Koffer. Das gleiche Procedere dann in den 3. Stock. Das Gute ist, dass der 3. Stock in den USA und Kanada ja für uns der 2. Stock ist. Weil für die ja unser EG bzw. die paar Treppen zur Rezeption hoch immer schon 1. Stock ist. Versteht kein Mensch, ist aber so. Hilft mir gerade ungemein, ein Stockwerk weniger, das ich Treppenstufe für Treppenstufe diesen Koffer hoch schleppe. Oben. Drin. Bett. 30 Minuten power nap.

Ich überlege, ob ich mich überhaupt noch raus bewege, entschließe mich aber dafür. Werfe mir kurz was über und laufe mit Daunenjacke und in meine Kapuze eingehüllt durch das dunkle und verregnete Kingston. Überall sind vermeintlich finstere Gestalten, aber ich fühle mich null unwohl. Einmal denke ich kurz, was das wohl für Typen sind, die mir da entgegen kommen in schwarzen Klamotten, Kapuzen bis zum Kinn gezogen… unter der Straßenlaterne, unter der sich unsere Wege kreuzen, stelle ich fest, es ist ein älteres Ehepaar, das sich einfach nur vorm Regen schützt. Realität entsteht im Kopf – hatten wir ja schon das Thema.

Ich laufe die Earl Street runter und dann links parallel zum Wasser des Lake Ontario an der Ontario Street entlang. Ich bin ja seit Ottawa nicht mehr in Québec sondern in Ontario und somit auch wieder im englisch sprachigen Raum. Wobei Ottawa genau an der Grenze zu Québec liegt und somit alles zweisprachig ist, alle Straßenschilder, etc.. Ab jetzt also wieder nur englisch. An der Ontario Street sollen ganz viele Restaurants sein, sagte das junge Mädel hier im Guesthouse. Es hat mich aber irgendwie nichts so richtig angesprochen und ich habe versucht, mich (trotz des nicht vorhandenen Orientierungssinns) daran zu erinnern, von welcher Richtung aus ich in diese Stadt rein gefahren bin, denn da hab ich ein Restaurant gesehen, das ich total einladend fand. Ich finde es – juhuuu! Das Olivea an der Ecke Brock Street/ King Street East. Ich frage also, ob es einen Tisch oder einen Platz an der Bar für mich gibt. Hm, sie sagt, die beiden freien Plätze an der Bar seien reserviert und die Tische auch. Aber sie könnte an einer Frontseite der Seitenbar einen Platz organisieren. Sehr nett gemeint, aber ich würde quasi links um die Ecke von jemandem sitzen, der mit zwei anderen nebeneinander sitzt und ich würde direkt auf seinen Teller starren. Und dann da alleine sitzen – da wo die Kellner hinter die Bar gehen. Ich erkläre ihr, dass ich mich da nicht so wohlfühlen würde und sie finden eine Lösung an der Bar für mich. Top. Mehr Platz und Blick auf die Bar und den Fernseher – läuft. Salat mit Birnen und Walnüssen und auch Extra-Wunsch statt Gorgonzola den Pecorino-Käse zu bekommen, ist alles kein Problem. Plus local cider. Cider ist ja mein USA- und jetzt auch Kanada-Getränk. Wein ist oft einfach mega teuer und da ich ja kein Biertrinker bin, also Cider – ich liebe es. Der Cider hat ja auch vom Geschmack her wenig bis nichts mit dem französischen Zwiebelkuchen-Herbst-Cidre zu tun. Er ist süßer generell, aber natürlich auch abhängig davon, welchen Zuckergehalt er hat – es gibt verschiedene Varianten und auch mit Alkohol (hard cider) und ohne und auch leckeren Birnen Cider. Cider fällt hier ja auch nicht unter die Wein- sondern unter die Bier-Kategorie und wird oft aus dem Hahn gezapft.

Neben mir sitzt ein Mädel, die mich irgendwann anspricht. Sie erinnert mich total an Robin von „how I met your mother“. Wir kommen ins Gespräch, sie heißt Layoma und ist mit einem Freund (Vince) hier. Beide sind im Military und er hat mal 7 Jahre in Aschaffenburg gelebt und spricht super deutsch. Es ist ein total nettes Gespräch mit den beiden und sie fragen, was ich noch so vorhabe heute. Ich denke mir: „Ich habe mich gerade mal aufgerafft, überhaupt noch zum Essen raus zu gehen…“ und sage: Nichts bisher. Sie erzählt mir, dass sie in eine alte Burg fahren und da zu einer Halloween-Irgendwas gehen, ob ich mitkommen will. Ich verstehe es nicht richtig, denke sofort, dass ich nicht richtig angezogen bin (hatte mir ja nur kurz nen Pulli übergeworfen) und auch nicht weiß und überhaupt … und sage: „Super nett, aber heute nicht, danke, ich bin den ganzen Tag Auto gefahren und bin ziemlich müde.“ Das Essen kommt. Alle essen. Und ich denke. Sollte ich nicht doch? Jetzt bist Du schon mal hier. Wer weiß, wird sicher nett. Ach nee, jetzt hast Du ja schon nein gesagt. Und eigentlich bist Du auch total platt. Naja, aber… und sage: „Was ist das genau, wo Ihr nachher hingeht?“ Eine Art Geisterbahn-Haus für Erwachsene ohne „Bahn“, also zu Fuß, in einer alten Military-Festung für Halloween umgestaltet. Tickets kosten 40 CAN$. Ich sage mir, das geht auch mit Pulli und die beiden sind wirklich nett. Ich entscheide mich um, will doch mit. Sie googelt nach Tickets – ausverkauft. Hm. Schade. Aber ich bin froh und stolz, es zumindest doch versucht zu haben. Entscheidungen kann man auch rückgängig machen. Auch wenn das Ergebnis so das gleiche ist – nämlich, dass ich im Regen nach Hause laufe und ziemlich schnell schlafe – so fühlt es sich so doch deutlich besser an. Und ich habe ihren Facebook-Kontakt, weil sie am nächsten Tag zum Yoga will und gefragt hat, ob ich nicht mitkomme. Das gleiche Spiel. Erst überlege ich, abzusagen, weil ich ja doch auch gerne einfach nichts vorhabe, weil ich ja in meinen einzigen Sportklamotten, die ich mit habe, schon seit 4 Wochen Sport mache und sie nur ein paar Mal mit „rei in der Tube“ (da hat man doch automatisch diesen Gingle im Kopf oder?) durchgespült habe und und und – MEISTER DER AUSREDEN. Ich sage zu. Und fahre mit dem Auto dort hin, weil ich einfach nicht schon klitschnass da ankommen will. 5 Minuten Fahrt und dann – Parkplatz suchen. Ich finde einen und lese erst nur „Parken verboten, Mo-Fr 6am -6pm nur be- und entladen“ – heute ist Sonntag, also alles gut. Denke ich. ABER: Darunter steht in klein geschrieben „alle anderen Zeiten kein Parken.“ Ob „alle anderen Zeiten“ auch Sonntags beinhaltet? Hm. Ich lasse das Auto stehen und gehe zum „Moksha Yoga-Studio“ in der Princess Street. Melde ich an und frage wegen des Parkens. Sie: Ich fahre kein Auto, aber es sollte wohl kein Problem sein. Zum Glück erzählt mir eine andere, dass um die Ecke ein riesiger Parkplatz ist, an dem man Sonntags for free parken kann. Also nochmal raus, umparken (nicht im Kopf, höhö). Innere Hektik. Toller Yoga-Start. Aber ich komme mehr als pünktlich an und als ich nach oben komme, sehe ich auch schon Vince. Wie schön, einfach mal ein bekanntes Gesicht irgendwo zu sehen, wenn man irgendwo hin kommt. Tut richtig gut. Layoma kommt auch bald und los geht’s in den Yin Yoga Kurs. Es ist perfekt für mich, denn immer, wenn ich Yoga alleine mache, mache ich doch eher die Übungen, die ich ganz gut kann und die mir liegen. Die fiesen Hüftöffner-Asanas lasse ich lieber weg. Meine liebe Yoga-Anke lacht sich jetzt wahrscheinlich gerade tot. Und dann liegt der Fokus dieser Stunde auf Hüftöffnung. Alter. Die Kuh und die Taube je 4 Minuten halten. Ich. Ich glaub, ich flipp aus und meine Hüfte springt aus den Seilen. Nach einer gefühlten Ewigkeit in der nach vorne gebeugten Taube – als ich mir sicher bin, dass ich nie wieder aus der Übung rausgehen kann, weil dann alles auseinander springt – sagt sie „und jetzt noch einen tiiiiefen Atemzug – für die letzte Minute“ – WHAT? Aber ich überlebe. Und es tut am Ende total gut. Und war genau das richtige. Das Gefühl danach ist ja auch immer einfach herrlich. Wir gehen raus und Vince schlägt vor, noch was essen zu gehen. Und los, ich hab nichts vor. Layoma ist auch dabei und wir gehen um die Ecke in ein Restaurant und sitzen nett an der Bar, essen leckere Salate und quatschen. Über das Thema Military, denn die beiden sind beim Militär. Sie ist Physiotherapeuting und er…. hm, hab ich nicht ganz verstanden. Irgendwas nicht ganz so Unwichtiges glaub ich. Ich kenn mich bei dem Thema aber auch wirklich so null aus. Aber ich fand es sehr interessant und spannend. Es war insgesamt wirklich ein schöner runder Abend und tat mir gut, mal was mit anderen zu machen. Schade, dass ich nur so kurz in Kingston bin.

Ich hatte den Tag bis dahin damit verbracht, früh aufzustehen, da es nur bis 9.30h Frühstück gibt. Das Tolle ist: Es gibt Frühstück. Und das ist in diesen Guesthouses wirklich immer toll bisher. Es ist Sonntag und deshalb gibt es French Toast. „With Sausage or Bacon?“ – Grundsätzlich widerspricht sich für mich ein „in Eiern, Milch und Zimt getränktes Toast mit Obst“ und sowohl Sausage als auch Bacon, aber es ist typisch und ich esse ist. „Bacon please, but only one slice“ – wir wollen es mal nicht übertreiben. Und ich muss zugeben, es war sehr lecker. Sogar der gebratene Speck mit Zimt. Nein, ich bin nicht schwanger.

frenchtoast

Irgendwann nach dem Frühstück raffe ich mich dann doch auf, dick und so weit wie möglich regensicher eingepackt laufe ich durch die Straßen. Es schüttet in Strömen. Hier und da packe ich ganz kurz meine Kamera aus, um ein paar Eindrücke von Kingston zu knipsen. Ich gehe zur Tourismus Info, v.a., weil es dort trocken ist. Hop-On-Hop-Off-Busse? Nee, die fahren nur bis 15.10.. Schiffstouren durch die 1000 Islands? Nee, nur bis 22.10.. Aber eine haunted walking tour können Sie machen. Im Regen? Ach nö danke. Ach und 2x am Tag fährt ein kleiner Trolleybus und macht eine einstündige Stadttour. Ich überlege kurz und denke, das mach ich dann wohl später. Draußen sehe ich den Bus mit solchen Plastikplanen als Scheiben, durch die man im Allgemeinen schon bei gutem Wetter nicht gucken kann, geschweige denn bei Regen. Und dann stelle ich fest, dass mir auch gar nicht danach ist, hier das große Touri-Programm zu fahren. Es ist bestimmt eine schöne Stadt, sehr touristisch, sehr viel Militär inkl. College und Uni und so und natürlich die traumhafte Landschaft, direkt am See gelegen und dann die ganzen kleinen Inseln nicht weit. Und ja, letzte Woche sind wohl alle noch in Shorts rumgelaufen. Heute aber nicht. Also erinnere ich mich an Layomas Tipps für die beiden besten Cafés der Stadt: „CRAVE“ und „Pan Chancho“. Das CRAVE finde ich zuerst, es ist 166 Princess Street (die Hauptstraße hier) und es gefällt mir total gut. Nicht nur, dass es Zimtschnecken gibt wie im „Zeit für Brot“ in Berlin, sondern der Kaffee ist sehr lecker und es hat eine tolle Atmosphäre. Ich bin erst verwirrt, weil auf den Tischen im vorderen Teil überall ein Schild steht mit „reserviert“ – weiter lese ich erst gar nicht. Ich frage dann und sie klärt mich auf, dass es nur Tische sind, an denen man nicht mit dem Laptop arbeiten darf. Aha. Also Technologie-freie Zone, sagt sie. Aha. Aber mein Handy darf ich benutzen? Ja klar. Aha. Es lebe die Konsequenz. Wenn ich allerdings in den hinteren Teil des Cafés gucke, verstehe ich die Schilder vorne durchaus. Uni-Stadt eben… 🙂 Ich komme mit einem alten (ja, wirklich alt, sie ist 86 und er 91!) Ehepaar ins Gespräch und sie erzählt mir, dass sie neulich wegen einer OP ans Bett gefesselt war und er kochen musste und erstmal gefragt hat, wie der Herd angeht. Süß! Sie sagte dann nur, dass wir jungen Frauen (jahaaaa hat sie gesagt – und sie konnte ganz sicher noch mega gut gucken) mit solchen Problemen bei Männern heute ja nicht mehr zu kämpfen hätten. Na zum Glück. Ich kann ja deutlich besser essen als kochen, das wäre ja sonst mein Untergang.

Am letzten Morgen wurde es zumindest trocken, wenn auch nicht wirklich heller draußen und ich bin noch ein wenig durch den Ort gefahren, um noch ein paar Fotos zu machen. Ich glaube, bei Sonnenschein ist es hier wirklich nett.

 

 

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