the „far away place“

Kurzfassung meiner Anreise hierher nach Nantucket: Fähre von Martha´s Vineyard (Vineyard Haven) nach Woods Hole – Autofahrt von Woods Hole nach Hyannis mit kurzem Coffee & Bagel-Stop (cinnamon raision bagel toasted mit light plain cream cheese – the best!) – vorab online checken, welcher der 5 Parkplätze der Hyannis-Fähre gerade aktuell frei ist zum Parken – Auto abstellen (bleibt auf dem Festland, braucht man wohl der auf der Insel nicht und ist dazu auch insanely (neues Wort!) teuer) – Gepäck mitnehmen (natürlich vorher so gepackt, dass nicht alles mit rüber muss) – Shuttle Service zur Fähre nutzen – Fähre von Hyannis nach Nantucket (es gibt diverse Alternativen von 18$ bis 48$ pro Fahrt und pro Person je nach Geschwindigkeit (1h oder 2:15h) und Fähren-Company). Ankunft: Schöner Ausblick, Nantucket empfängt mich bei Sonne und im Guest House in dem ich wohne, werde ich auch sehr nett empfangen.

Nantucket ist eine kleine Insel in Halbmond-Form und so stark von der Erosion betroffen, dass sie in 400 Jahren nicht mehr hier sein wird. Nantucket ist ein indianisches Wort und heißt „far away place“ und hat 10.000 Einwohner. Die Preise hier sind ganz ok, ein Haus mit Blick aufs Wasser war gerade zu verkaufen für 23,5 Millionen Dollar. Ist klar… Leider ist es dort aber relativ einsam, da die meisten Häuser mit Blick aufs Meer nur 3 Monate im Jahr besucht sind. Sommerresidenzen eben. Hier aber ohne Lebkuchen.

Nantucket und ich hatten so unsere Probleme, miteinander warm zu werden. Obwohl es objektiv wirklich sehr hübsch ist hier, keine Frage. Aber irgendwie sind hier die Reichen noch reicher, die Schönen noch schöner und ich habe das Gefühl, alle empfinden sich und vor allem alles auf dieser Insel als etwas Besseres. Kann ich ja nicht so gut drauf auf so was. The „Little Grey Lady“ wird die Insel auch genannt, wegen ihrer grauen Schindel-Häuser, die das Bild der Insel bestimmen. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber es sind insgesamt nur 11 Farben erlaubt, in denen die Häuser gestrichen werden dürfen (grau, hellblau, weiß, beige, hellgrün, ein bestimmtest rot, hellgelb,…). Für mich ist es aktuell eher die graue Lady aufgrund des Nebels, der am nächsten Morgen einsetzte. Und des Regens. Und überhaupt. Es hat heute in Strömen geschüttet, so dass mein kleiner Mini-Reise-Regenschirm ganz schön gefordert war.

Aber es gibt laut Trip Advisor ein sehr gutes Museum hier, das Whaling Museum, das man auf keinen Fall verpassen soll. Macht insofern Sinn, als dass Nantucket auch als the Whaling Capital of the World bekannt ist. Nun bin ich wirklich nicht so ein Ich-Muss-In-Jedes-Musem-Gänger und auch nicht jemand, der sich, wenn er denn schon drin ist, jeden Film ansieht, der angeboten wird, aber ich muss zugeben, dass mich dieses Museum hier irgendwie gefesselt hat. Der Film über Nantucket und seine Geschichte, v.a. natürlich auch die Walfang-Geschichte, war trotz 45 Minuten Länge sehr kurzweilig und interessant. Und danach hat eine ältere Dame in Leggins, in die sie nicht reinpasste und Socken in Birkenstocks (und nein, es war keine Deutsche!) die Geschichte, wie ein Wal gefangen wurde damals und an Bord zerlegt und „aufbereitet“ wurde so interessant und storytelling-mäßig erzählt, dass ich mich fühlte wie bei Omas Märchenabend. Das war toll und ich hab echt viel gelernt. Der dritte Vortrag ging über den Untergang der Essex, eine wahre Geschichte, die Herman Melville zu Moby Dick inspiriert hat und viele Parallelen bietet. Denn auch die Crew bei Moby Dick ging in Nantucket an Bord und Melville hat sogar noch zu Lebzeiten mit dem Kapitän der Essex, der neben 7 weiteren Crew-Mitgliedern von 20 das Unglück überlebte, gesprochen. Ich habe das Buch nie gelesen, aber wenn es genauso spannend geschrieben ist, wie die Dame erzählt hat, dann verstehe ich den Erfolg.

Zusätzlich gab es im Museum Informationen über die Nantucket Lightship Baskets – Körbe, die innerhalb von 30 Tagen geflochten wurden im Winter, wenn die Walfänger nicht zur See fuhren oder auf den Lightships (wie Leuchttürme, nur als Schiffe vor Anker vor der Küste – sehr einsam).

Ich komme raus aus dem Museum und es schüttet wie aus Eimern, mein kleiner Regenschirm hat keine Chance, mein Parka ist schnell komplett durchnässt und ich denke mir: Komm, was soll´s, bist ja ne Hamburger Deern und nicht aus Zucker und als mir eine Frau im gelben Ölzeug entgegenkommt denke ich: und schlecht angezogen für das Wetter bist Du heute auch. Ich hoffe, dass Tripadvisor mir weitere gute Tipps gibt, was man hier so bei strömendem Regen unternehmen kann. Wenn man dort die top 10 Dinge ansieht, sind allerdings schon 3 Leuchttürme und 4 Strände dabei. Hm. Also nehme ich die verbleibenden 2 Punkte in Angriff. Nummer 1: Inselrundfahrt. 25 Dollar für eine Fahrt im Mini-Bus, die aber nur 60% der Insel abdeckt, wie mir die Frau am Ticket-Counter erklärt. Nee is klar, weil die Insel so riesig ist und weil man nicht alles an einem Tag schafft oder wie? Ich bin ein wenig auf Krawall gebürstet hier irgendwie. Die Fahrt ist aber sehr lustig, die Guide ist in dritter Generation von hier und liebt alles hier (war auch noch nie weg (ganz untypisch für Amis – sagte ich schon, dass ich heute irgendwie auf alles hier nicht so gut zu sprechen bin?)) und die Bus-Mitfahr-Gäste bestehen aus einem älteren Ehepaar aus Texas und High Society New Yorkern: Er studiert in Yale, seine Perlenohrring-Gucci-Täschchen-Freundin auch bald, die Eltern keine Ahnung und dann denke ich: hey, wer bist Du denn? N wirklich süßer, wenn auch deutlich jüngerer Typ, der mich anlächelt und ich sehe mich schon in die New Yorker Familie einheiraten während ZACK! Seine Freundin erscheint und ihm mal kurz sehr deutlich klar macht, dass es hier nichts Andere-Frauen-Anzulächeln gibt. War ich also wieder raus aus der Familie, so schnell kann es gehen.

Die Fahrt wäre bei Sonnenschein sicherlich wundervoll gewesen, man hätte die Leuchttürme, die Strände, die cranberry-Felder (die hier ganz typisch sind und übrigens deshalb cranberries heißen, weil die Blüten aussehen wie der Schnabel von einem Kranich und somit wurden die Beeren früher crane berries getauft, aus dem sich dann cranberry entwickelt hat) sehen können – all dies blieb uns so verwehrt und wir stiegen mit Bildern von Nebel vor dem Leuchtturm, Nebel am Strand, Nebel vor dem ältesten Haus der Insel (welches ein Hochzeitsgeschenk war), Nebel vor der ältesten noch funktionierenden Mühle in den gesamten USA, Nebel vor den Cranberry-Feldern im Kopf aus dem Bus wieder aus. Sicherlich ist diese Insel wunderschön. Sie hat – habe ich ja im Film gesehen – ewig lange Sandstrände und einen schönen Stadtkern und diese pastelligen Häuser haben wirklich Charme. Allerdings ist es mir während der Tour doch mächtig auf den Geist gegangen, dass wirklich jede Chrysantheme (und das ist nicht übertrieben!) am Straßenrand, jede Rose, die an einer Hauswand hochrankte, jede Baustelle (JEDE BAUSTELLE, auch die, in der nur etwas umgebaut wurde) und sogar der Ententeich erwähnt wurde, wie toll, besonders und wundervoll es doch ist. Ich finde Lokalpatriotismus ja grundsätzlich ok und bin auch voll und ganz dafür, dass man lieben darf, wo man herkommt. Ich liebe Hamburg auch über alles und finde Dinge toll, sie für andere vielleicht Quatsch sind und ja, ich liebe auch Sylt im Winter und dann am Strand spazieren zu gehen. Aber irgendwann ist es ja auch mal gut. Man muss eben auch so ehrlich sein, dass Nantucket am Ende ein kleine Insel ist, schön, aber auch sehr limitiert. Ein paar schöne Straßen mit luxuriösen Geschäften und teuren Restaurants und das war es dann am Ende auch. Dann muss man aber bitte nicht so ein Chrysanthemen-Tamtam draus machen.

Damit man sich ein Bild machen kann, wie es bei Sonne aussieht, hab ich einfach Postkarten gekauft…

Punkt 3 auf meiner Tagesordnung war eine Brauerei – die Cisco Brewery. Ich als alte Biertrinkerin (so gar nicht) fand über die New York-Familie heraus, dass es einen free shuttle service zur Brewery und zurück gibt. Guter Plan. Ich traf schon im Shuttle auf eine Hochzeitsgesellschaft aus Austin/ Texas, deren Freunde morgen hier heiraten und die heute eine Ralley machten. Alle klitschnass (ohne Mini-Reise-Regenschirm und Parka unterwegs, so schlecht war ich also doch nicht dran) und mittelmäßig genervt von der Ralley, aber trotzdem gut drauf. Die Brewery bestand nicht etwa, wie ich irgendwie dachte, aus einem Indoor-Brauerei-Bereich sondern aus 3 Hütten, eine mit Wein, eine mit Bier und eine mit Wodka und einem kleinen „Marktplatz“ in der Mitte. Eigentlich super nett und bei trockenem Wetter sicherlich ein wenig Biergarten-Atmosphäre. Naja, bei Regen eher nicht so. Und 2 Food-Trucks gab es. Einen mit Lobster Roll. Endlich! Noch nie probiert und doch für die Gegend hier so typisch. Also dachte ich mir, heute ist der Tag und bestellte mir für 22 Dollar (wir reden hier am Ende von einem Fischbrötchen, na gut, Hummer, aber… seriously???) eine Lobster Roll. Man bekommt ein süßes Brioche-Brötchen, getoastet und eingebuttert (nicht, dass es am Ende zu wenig Kalorien hat), darauf selbstgemachten Fischsalat mit sehr viel Hummer und etwas Gurke und Zwiebeln und Mayonnaise – aber nicht wirklich viel, so dass man wirklich in erster Linie Hummer hat. Dazu eine Zitronenscheibe – und ne Tüte Chips. Da sind die Amis ja wie die Spanier, überall gibt es im Zweifelsfall mal ne Tüte Chips oben druff. Versteht keiner (also ich zumindest nicht), aber was soll´s. Dazu kommt, dass er mir die Tüte Chips AUF das Brötchen legt, so dass die Tüte komplett mit Fischsalat unten voll ist – welchen Sinn macht das denn? Egal. Ich hinterfrage hier heute nichts mehr, wische die Tüte ab, ab damit in die Handtasche für schlechte Zeiten und dann: ES WAR SOOOO LECKER! Es waren die best-investierten 22 Dollar überhaupt. Hammermäßig! Der Tag ist gerettet und ich bin sogar schlagartig so gut drauf, dass ich mir ein Bier kaufe. Jahaaaa – Prosecco gab es ja nicht. Also erinnere ich mich an laue Sommerabende bei Püppi & Dan in Peachtreecity/ Georgia auf dem Deck und weiß noch, dass Pumpkin Bier doch ganz lecker sein kann. Und los! Und ich werd zwar jetzt nicht zum Biertrinker, aber es passte in die gesamte Atmosphäre und meine Stimmung und war ganz süffig. Und dann stand ich da an einen Pfeiler gelehnt mit meinem Bier in der Hand und hab mir die ganze Szenerie mal in Ruhe angesehen. Und da dachte ich dann doch kurz: Hm, wäre jetzt nett, wenn jemand hier wäre zum Quatschen. Oder einfach zum Gemeinsam-Rumstehen. Aber war ja nun nicht. Und da ich mein Handy bewusst nicht rausgeholt hab, hab ich mich mal darin geübt, die Situation, dort so alleine rumzustehen, einfach mal auszuhalten. Und es ging. Nach 1 ½ Stunden bei der Brauerei bin ich dann mit dem Shuttle zurückgefahren und hab mich erstmal zu einem Nachmittagsschläfchen hingelegt. Wie lange hab ich das nicht mehr gemacht. Herrlich.

Abends kam dann wieder ein wenig Langeweile auf. Wenn man nichts Essen- oder Trinkengehen will, was macht man dann? Im „Wohnzimmer“ meines Guest Houses saß so ein komischer Typ, da wollte ich mich auch nicht dazu setzen. Also bin ich noch ein bisschen durch die pfützenüberseeten Straßen geschlendert und hab in die Schaufenster geguckt. Viele Läden haben auch einfach gar nicht mehr geöffnet, weil es „nach Columbus-Day“ ist. Der war letztes Wochenende. Hier ist die Saison von Memorial Day (Mai) bis Columbus Day, dann kurz Thanksgiving und Weihnachtszeit und dann erst wieder ab Mai. Sonst wäre es sicherlich auch weniger ausgestorben hier und würde mir besser gefallen. Aber morgen soll es nicht regnen, mal sehen, wie es dann aussieht….

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